Zürcher Finanzbrief Ausgabe 12/26
Der Zürcher Finanzbrief vom 10. Juni 2026
SpaceX stellt die Liquiditätsfrage. Der entscheidende Punkt beim Börsengang von SpaceX ist nicht, ob es ein Erfolg wird. Das wird er auf jeden Fall sein - für das Unternehmen und die Emissionsbanken. Langfristig in jedem Fall auch für die Anleger. Kurzfristig wird sich zeigen müssen, ob die überzogene Bewertung genug Anschlusskäufe nach dem ersten Handelstag findet. Kapital wird in jedem Fall von Seiten der Nasdaq 100 Index-ETFs in die Aktien fliessen, da durch die geänderte Fast-Entry die SpaceX Aktien bereits Ende Juni - und damit vor dem Halbjahresende - in den Nasdaq 100 Index aufgenommen werden. Das allein hält schon das Interesse hoch. Standard & Poor’s spielt hier übrigens nicht mit. Vor dem Wochenende betonte S&P, dass es für SpaceX, Anthropic und OpenAI keine Extrawurst gibt. Sie werden - wie die anderen auch - ein Jahr warten müssen, bis sie für eine Aufnahme in den S&P 500 Index in Erwägung gezogen werden.
Auf den Rest des Kapitalmarktes hat der Börsengang aber einen wesentlichen Einfluss. Noch nie nahm ein einzelnes Unternehmen in der Geschichte beim Börsengang so viel Kapital von den Anlegern auf. Kapital, das dann wohlgemerkt erst einmal in der Kasse von SpaceX verschwindet. Der letzte Emissionsrekord liegt sieben Jahre zurück und wurde seinerzeit von Saudi Aramco aufgestellt. Der Ölkonzern nahm 29 Mrd. US-Dollar an frischem Kapital auf. Ein Rekord, der seitdem ungebrochen ist. Bis zu dieser Woche.
Emissionen sind grundlegend anders einzuschätzen als Kursbewegungen. Wir haben den Fall Broadcom an Fronleichnam gehabt, wo sich die Marktkapitalisierung um -285 Mrd. US-Dollar reduzierte. Aber wurden damit auch wirklich 285 Mrd. US-Dollar vernichtet? Nein. Kein reales Vermögen, sondern lediglich Papiergeld. Hier sind die theoretischen (=unrealisierten) Gewinne von Anlegern verloren gegangen, denn die Bewertung ergibt sich immer nur aus dem letzten Kurs, den ein Käufer bereit war zu zahlen, multipliziert mit der Anzahl der ausstehenden Aktien. Beispiel: Würde ein Verkäufer zum Schlusskurs am Freitagabend eine Broadcom Aktie zum Kurs von 1 US-Dollar verkaufen, würde sich ein «Verlust» von knapp 2 Billionen US-Dollar ergeben. Auf dem Papier korrekt, aber natürlich ist der Verlust nicht echt, weil am Montagmorgen zur Eröffnung alle vernünftig denkenden Investoren Schlange stehen und versuchen würden, ein wertvolles Unternehmen wie dieses für 1 US-Dollar je Aktie zu bekommen.
Bei Emissionen wird jedoch dem Kapitalmarkt echte Liquidität entzogen. Sie wandert aus der verfügbaren Masse im täglichen Handel auf das Bankkonto der Emittentin. Und bleibt dort. SpaceX wird der Börse diese Woche zwischen 75 und 80 Mrd. US-Dollar an Liquidität entziehen, Alphabet hat bereits in der vergangenen Woche fast 85 Mrd. US-Dollar an Liquidität aus dem Aktienmarkt gezogen. Für den Aktienmarkt sind das nennenswerte Summen, vor allem weil wir uns nicht mehr in einem Nahe-Null-Zinsumfeld bewegen. Fremdkapital ist teuer, was mit der Zeit auch auf die Eigenkapitalkosten abfärbt. Billig sind hingegen die extrem hohen Bewertungen im Tech-Bereich. Dort kann man sich bedienen, um in SpaceX und Co. zu investieren, aber es sind halt nur Papiergewinne. Wird viel Kapital auf einmal vom Tisch genommen, erleben die Tech-Bewertungen einen Stresstest. Dann wird die implizite Frage im Raum stehen: Sind die Big Techs wirklich so viel wert?
Die Themen der aktuellen Ausgabe:
- New York: Arbeitsmarkt und SpaceX kippen die Rallye.
- Frankfurt: Wieder gescheitert.
- Was will der neue Fed-Chair?
- Die Juni-Sitzung gibt Warsh den Schlüssel in die Hand.
- Geht die EZB voran?
- Am Donnerstag wird sich zeigen, ob Lagarde ihren Aufgaben gewachsen ist.
- Big Tech: Das Feld teilt sich in Gewinner und Verlierer.
- Apple: Steve Jobs dreht sich im Grabe herum.
- Keine AI für die Europäische Union.
- Oracle ist der Litmus Capex Test für die Wall Street.
- Versorger im Ausverkauf.
- Verbunden hat unsere Kauf-Range erreicht.
- Warnsignale vom Kryptomarkt.
- Bei Disney gehen wir in die Verlängerung.
- Die Börse wird wankelmütig bei Bayer.
- Montana Aero beginnt langsam interessant zu werden.
- Stop-Loss-Limits: Update
- Konservatives Musterdepot: Update
- Spekulatives Musterdepot: Update
Für diesen Inhalt benötigen Sie ein Abonnement
Testen Sie uns ohne Risiko - das kostenlose Probeabo endet nach 4 Wochen und bedarf keiner Kündigung. Es gibt keinerlei kostenpflichtige Folgeabos. Testen Sie unsere Börsenbriefe und entscheiden Sie selbst, ob sich unsere Abomodelle für Sie rentieren.
