Zürcher Finanzbrief Ausgabe 15/26

Der Zürcher Finanzbrief vom 22. Juli 2026

Zürcher Börsenbriefe - Zürcher Finanzbrief Ausgabe 15/26

 

Jede Innovation verändert den Arbeitsmarkt. Alte Strukturen passen sich an oder werden komplett aufgegeben, während gleichzeitig neue entstehen, die einen höheren Wohlstand bringen, weil sich Nutzen und Produktivität erhöhen. Hufschmiede und Kutscher sind heute genauso wenig gefragt, wie es in Zukunft Taxifahrer und Programmierer sein werden. Joseph Schumpeter nannte diesen Prozess schöpferische Zerstörung, die in kapitalistischen Systemen dafür sorgt, dass der Arbeitsmarkt sich immer neu erfindet und dabei nach einem Optimum strebt. 

Teil des Innovationsprozesses ist die Akzeptanz von Veränderungen. Profitiert man von der Innovation, ist das ein einfacher Prozess. Zählt man jedoch zu denjenigen, die aufgrund der Innovation nicht mehr benötigt werden, dann hält sich die Begeisterung in Grenzen, da man aus seiner Komfortzone geworfen wird und sich eine neue suchen oder schaffen muss. 

AI ist die grösste schöpferische Zerstörung unserer Zeit. Darin sind sich alle einig. Worüber jedoch wenig diskutiert wird, ist, dass AI das Potenzial hat, mehr Arbeitsplätze zu vernichten, als neue geschaffen werden. Während die Erfindung des Telefons die Kommunikation und das Automobil die Mobilität maximiert haben, maximiert AI die Intelligenz. Kombiniert man die Möglichkeiten von AI auf Soft- und Hardwareebene, ergibt sich das Potenzial, innerhalb weniger Jahre 10 % bis 20 % der Arbeitsplätze einer typischen westlichen Volkswirtschaft zu automatisieren. Und damit wird AI für einige Stakeholder zur Bedrohung. 

Einer der grössten Verlierer ist der Staat. Auf den ersten Blick ist der deutsche Staat wenig von der Entwicklung der Arbeit im Lande abhängig. Die Lohnsteuer macht rund 26 % des gesamten Steueraufkommens (Bund, Länder, Gemeinden) aus. Der grösste Quell der Steuereinnahmen ist hingegen der Konsum. Die Umsatzsteuer ist für jeden dritten Steuer-Euro verantwortlich, den der Staat einnimmt. Die Sozialabgaben sind strikt getrennt und fliessen in die Kassen der Arbeitslosen-, Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung, doch der Staat muss im Zweifel aushelfen. Der Umfang der Abgaben ist enorm. Stellt man sie neben die direkten Steuereinnahmen, so ist der Umfang der Sozialabgaben fast identisch mit den gesamten Steuereinnahmen. Ein drastischer Abbau von Arbeitsplätzen in Deutschland könnte dementsprechend die Staatsfinanzen massiv beschneiden. 

Aus Sicht des Staates ist entscheidend, welche Arbeitsplätze wegfallen. Da der Staat selbst keinen Wert produziert, ist er vollständig abhängig von den Nettozahlern. Das sind Steuerzahler, die in der Privatwirtschaft ihr Geld verdienen und mehr Leistungen an den Staat transferieren, als sie im Gegenzug bekommen. Und diese Gruppe ist relativ klein. Sie wird auf etwa 15 Millionen Menschen geschätzt. Was den Staat anfällig macht für grosse Disruptionen. Die Rechnung ist einfach: Wird ein Spitzenmanager bei SAP durch AI ersetzt, senkt dies das Abgaben- und Steueraufkommen für den Staat. Wird hingegen ein Beamte durch AI ersetzt, ist das pro-fiskalisch. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Manager zuerst wegrationalisiert wird, ist jedoch weit höher, als dass der Beamter vorzeitig ausscheiden muss, was die Problematik für den Haushalt weiter verschärft. Daraus folgt: Berlin wird die Steuerlast für den Rest erhöhen, um den Ausfall durch AI zu kompensieren. 

 

Die Themen der aktuellen Ausgabe:

  • New York: Gruppenrotation raus aus Technologie.
  • Zu hohe Investitionen können eine Korrektur an der Börse auslösen. Aber sie brechen keinen Trend.
  • Bricht der DAX im Sommer aus?
  • Der Fokus in Frankfurt liegt weiterhin auf den Blue Chips. 
  • Keine Zinserhöhung im Euro. Aber die EZB wird warnen. 
  • Geht Lagarde vorzeitig? Im Frühjahr steht die französische Präsidentschaftswahl an. 
  • Die Capex-Story wird zur Liability.
  • Apple steigt auf ein Rekordhoch, weil man keine Capex-Belastungen aus AI hat. 
  • US-Berichtssaison: Big Techs starten diese Woche. Das Epi-Zentrum ist in der kommenden Woche.
  • US-Immobilien-Aktien mit dem gewissen Extra.
  • Welltower hat eine attraktive Nische gefunden. 
  • Um Prologis kommt in der Logistik niemand herum. 
  • Einstieg bei Alexandria Real Estate war zu früh - kommt jetzt die Wende?
  • Käufe
  • Jungheinrich Vorzüge im Keller - Auftragseingang wächst stark. 
  • Valero Energy profitiert vom Iran-Chaos. 
  • UnitedHealth hat den Turnaround bestätigt.
  • BASF: Absatzmengen und Preise steigen wieder. 
  • Verkäufe
  • Bei Barry Callebaut ziehen wir uns zurück.
  • IBM ist eine bodenlose Enttäuschung. 
  • Stop-Loss-Limits: Update
  • Konservatives Musterdepot: Update
  • Spekulatives Musterdepot: Update